Mauna (Schweigen) ist Golden

Focus of the month – October, 2019

Der Mensch spricht durchschnittlich schätzungsweise 16.000 Wörter pro Tag.¹ Wow! Das ist eine Menge Geplapper! Wie viele dieser Worte werden mit Absicht, Aufrichtigkeit und Mitgefühl verwendet? Wie würde unsere Sadhana aussehen, wenn wir uns von Zeit zu Zeit im Schweigen üben würden? 11 Jahre lang war dies die tägliche Praxis von Swāmī Nirmalānanda (Sharon und Davids erster Guru); er sprach kein Wort. Der “Anarchist Swāmī” kanalisierte stattdessen, während seiner Zeit als Maunī, die Energie, die er durch das Sprechen gespart hatte, in Briefe und verbreitete so seine Botschaft von Frieden und Gewaltlosigkeit an politische Führer auf der ganzen Welt.

Mauna ist eine heilige Praxis der Minimierung der eigenen Sprache; des absichtlichen Schweigens, eine Praxis der Disziplin, durch die spirituelle Erfahrungen entstehen können, die typischerweise durch die Stille des Geistes und eine erhöhte Aufnahmefähigkeit für Geräusche gekennzeichnet ist. Wie das stille Wasser eines Sees, der die Dinge so widerspiegelt, wie sie sind. Die beruhigende Wirkung der Stille hilft uns, die Dinge klarer zu sehen und somit in einer tieferen Verbindung mit uns selbst und unseren Mitmenschen zu treten.

Wenn wir beginnen Mauna zu praktizieren, ist der erste Schritt sich im Schweigen zu üben. Nach einiger Zeit kann sich die Praxis in Abstinenz von Lesen, Schreiben und Augenkontakt mit anderen etablieren, was letztendlich zu einer Praxis von minimalen, aber dafür umso achtsameren Aktivitäten führt. Während dieser Entwicklung entstehen in der Regel einige Muster. Zuerst wirst du vielleicht feststellen, dass du tendierst nach Ablenkungen greifen zu wollen – wie das Bedürfnis, deine Nachrichten zu checken, ein Buch zu lesen oder die “Stille” mit Musik zu übertönen. Wie bemerkst du dieses innere Treiben bevor du reagierst? Der Grund, warum diese Wünsche während der Praxis von Mauna verstärkt werden, ist, dass unser citta vṛtti (wirbelnde mentale Aktivitäten) sich plötzlich bemerkbar macht. Wir haben zehntausende Gedanken pro Tag. Erst, wenn wir uns nicht ablenken lassen, haben wir ein Bewusstsein für ihre Gegenwart. Wenn wir den Platz des Sehers (Sākṣī) einnehmen, beobachten wir eher als das wir direkt reagieren. Das stellt man zum Beispiel fest, wenn man in einem Gespräch einfach nur zuhört, ohne zu kommentieren. Anderen auf diese Weise Raum zu geben, kann unglaublich erfüllend sein. Alan Watts beschreibt echte Stille als das, “in dem wir aufhören zu denken und die Realität als Realität erleben. Denn wenn ich ständig rede, kann ich nämlich nicht hören, was andere zu sagen haben!”. Wir können nicht hören, wenn wir voll sind; die Leere gibt Raum für Resonanz. Wenn wir leer sind, können wir hören, was in der Māndūkya Upaniṣad als der Klang beschreiben wird, dessen OM folgt; das, was die Buddhisten als “die Leere” definieren.

Stille wird normalerweise als das Fehlen von Klang definiert, aber Physiker würden wahrscheinlich argumentieren, dass es keine wahre Stille gibt. In der Natur hat die anthropologische Störung durch übermässige Lärmbelastung den Akustikökologen Gordon Hempton dazu veranlasst, zu behaupten, dass die Stille am Rande des Aussterbens steht. Natürlich kommuniziert die Tierwelt wie wir, und wenn wir die Natur beobachten, stellen wir fest, dass sie viel zu sagen hat. Der australische vegane Aktivist James Aspey verbrachte 2014 für ein ganzes Jahr “sprachlos”. Er brach sein Schweigen im nationalen Fernsehen, indem er seine Absichten erklärte – das Bewusstsein für Tiere zu schärfen: “Ich zog mich zurück in die Stille, weil sie ohne Stimme sind, dachte ich. Aber dann wurde mir klar, dass sie nicht wirklich stimmlos sind; sie weinen vor Schmerz, sie schreien vor Angst, und wenn sie das tun, benutzen sie ihre Stimme, um uns verständlich zu machen, dass sie leiden. Aber das Problem ist, wir hören nicht zu.” Vielleicht könnten wir das Schweigen als Präsenz neu interpretieren, als eine Gelegenheit, mit jemand anderem, mit uns selbst oder mit der Natur zu sitzen und zuzuhören, was sie zu sagen haben.

In der menschlichen Interaktion erfolgt die meiste Kommunikation nicht nur durch Worte. Es wird angenommen, dass der Ausdruck über die Sprache, nur einen kleinen Prozentsatz unserer wirklichen Kommunikation ausmacht, während Körpersprache und Tonfall der Stimme viel mehr ausmachen. Könnten wir diese Idee auch auf Tiere und andere Aspekte der Natur als nur den Menschen anwenden? Schweigen ist nicht der Akt, ein passiver Zuschauer zu werden, sondern der Prozess, durch den wir die Realität beobachten und bewusst entscheiden, wie wir auf die Welt reagieren, die wir sehen. Sogar Swāmī Nirmalānanda, obwohl er Mauna über ein Jahrzehnt lang praktizierte, nutzte dies nicht als Gelegenheit, über die Ungerechtigkeiten zu schweigen, die er in der Welt erlebte. Mögen wir die goldene Balance der gesprochenen und zurückgehaltenen Worte finden, und mögen wir dazu beitragen, uns alle zu einer Erfahrung des Friedens zu finden. Sowohl innerlich wie auch äusserlich. Mögen wir Wahrheit, Wissen, Glückseligkeit und die Vollkommenheit kennen lernen.

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